| Einen
Blick riskieren
Drachenfotografie, eine
interessante Erweiterung des Drachenhobbys.
Neu ist diese Art der Fotografie
keineswegs. Mit der Erfindung der ersten Plattenkameras um 1870 war der
Einsatzbereich der Fotografie nicht nur auf den Boden beschränkt.
Gefesselte Drachen, eingesetzt für die Meteorologie, waren auch geeignet
für den Einsatz der zur damaligen Zeit noch schweren Plattenkameras.
Der Erfindungsreichtum und das stetige Sammeln von Erfahrungen mit diesem
neuen Medium ließen um die Jahrhundertwende zahlreiche Drachen und
Auslösemechanismen entstehen. Man experimentierte mit Auslösern,
die mittels einer Schnur, welche parallel zur Flugschnur entlang lief,
ausgelöst wurden. Mit Zündschnüren, die nach einer gewissen
Zeitspanne einen unter Spannung stehenden Federmechanismus in Gang setzten
und so den Verschluß der Kamera betätigten. Auch elektrische
Auslöser kamen schon zum Einsatz; hier wurden die stromführenden
Kupferdrähte in die Flugschnur eingeflochten.
Eine zur damaligen Zeit doch
beachtliche Vielfalt.
Dieser kleine Einstieg in die
Materie ist als eher unvollständig zu bezeichnen und sollte auch nur
dazu dienen aufzuzeigen, dass die Drachenfotografie keineswegs eine Erfindung
unserer Zeit ist.
Ich betreibe die Fotografie
schon seit langem als Amateur. Auch das Drachen-bauen und -fliegen ist
eine meiner Leidenschaften. So lag es nahe, beides miteinander zu verbinden.
Mit einem guten Freund wollten
wir der Drachenfotografie zum Erfolg verhelfen. Es mußte erst einmal
ein Gestell her, auf dem man eine Kamera montieren kann. Mit einem
Prototyp aus einem Holzrahmen wollten wir uns erst einmal vorsichtig
an die Materie herantasten. Uns schwebte in Gedanken ein ferngesteuertes
Kameragestell vor. Eine gebrauchte 6 Kanal Graupner Anlage kpl. mit Sender,
Empfänger und mehreren Servos erstanden wir für wenig Geld. Ziel
unserer Bemühungen war eine Steuerung, die vertikal und horizontal
die Kamera in die gewünschte Position stellte. Einen Blick in die
einschlägigen Kataloge, um die erforderlichen Getriebemotoren zu erstehen,
sprengten die finanziellen Vorgaben. Es musste etwas Preiswerteres gefunden
werden. Ein Grillmotor, mit dem normalerweise ein Hähnchen oder eine
Haxe die Runden über der glühenden Kohle drehen, war genau das
richtige. Die Motoren sind sehr preiswert, um nicht zu sagen "billig" und
stellten an die Stromversorgung (1,5 Volt) keine besonderen Ansprüche.
Die Stellkraft der Motoren ist beachtlich und die Drehgeschwindigkeit,
d.h. die Untersetzung, entsprach genau unseren Wünschen. Die Motoren
wurden umgebaut. Das Batteriegehäuse und die Schalter wurden entfernt
und stattdessen eine zentrale Stromversorgung mit einer Monobatterie und
SMD – Schalter zur Ansteuerung konstruiert. Die Spannungsversorgung
ist eigentlich immer ein Problem, wenngleich kein technisches sondern eher
ein gewichtiges.
Es galt jetzt die Stromversorgung
für meine Spiegelreflexkamera mit Motordrive und für den Empfänger
sicherzustellen. Da beide Komponenten mit einer 6 V – Spannung versorgt
werden konnten, konnte man einen Batteriesatz für beide Teile verwenden
. Gemacht getan, es klappte.
Für die Auslösung
der Kamera haben wir uns zwei Möglichkeiten offengehalten. Zum einen
über einen Drahtauslöser, betätigt über einen Servo
und zum anderen mit einem SMD- Schalter, der die Kamera elektrisch, so
weit vorhanden, auslöst. Diese beiden Möglichkeiten gestatten
auch den Einsatz anderer Kameramodelle Sucher, Reflex als Analog oder Digital.
Das Gestell wurde dann noch
um eine weitere Befestigungsplatte unterhalb der Fotokamera erweitert und
gestattet somit den zusätzlichen oder alleinigen Betrieb einer
Videokamera.
Beide Geräte gut ausbalanciert
stellen kein Problem für unseren zweckentfremdeten Grillmotor da.
Da beim horizontalen Drehen die Gefahr besteht, die Versorgungs- sprich
Stromkabel für die Motoren abzudrehen bzw. zu kappen, haben
wir in den entsprechenden Bereichen auf Kabel verzichtet. Der Strom wird
über das Gestell in unserem Falle Aluminium bereitgestellt.
Um Übergangswiderstände klein zu halten, muss die Eloxierung
an den wenigen Kabelanbindungen sorgfältig entfernt werden.
Die kabellose Verbindung an
den Achsen, hat den Vorteil, dass die Kamera in horizontaler und vertikaler
Lage ohne Anschlag um 360 Grad hin und her bewegt werden kann.
Jetzt musste das Gestell noch
eine Aufhängung bekommen, die so träge ist, dass plötzliche
Auf- oder Abwärtsbewegungen oder ein Gieren der Drachen und somit
der Drachenleine ausgeglichen werden können. Eine Pikavet – Aufhängung
mit mehreren Blöcken und einer kreuz und quer laufenden Leine
war die richtige Entscheidung, entdeckt in der Drachenzeitschrift "Sport
u. Design". Hier gibt es eine Vielzahl von Varianten.
Welche Konstruktion man wählt
ist Geschmackssache, wir haben die aufwendigste gewählt.
Unsere Drachenauswahl war zum
damaligen Zeitpunkt noch nicht sehr groß. Versuche mit sandgefüllten
Plastiktüten von ca. 2 Kg ergaben, dass meine Lynn-Box genügend
Auftrieb entwickelt, um die gesamte Konstruktion zu halten und auch noch
an Höhe zu gewinnen. Es konnte also losgehen. Unsere ersten
Versuche ergaben, dass eine gleichmäßige Windstärke von
3- 4 Bft. erforderlich war. Der Drachen sollte mindestens 30 – 40 m ausgefiert
sein, bevor man das Kameragestell an der Leine befestigt. Das garantiert,
dass der Drachen das zusätzliche Gewicht und den damit veränderten
Winkel der Flugleine nicht übelnimmt und zu stark giert.
Die gemachten Angaben sind
natürlich je nach Drachentyp und Spannweite unterschiedlich, hier
sollte jeder selbst seine Erfahrungen sammeln.
Die ersten Aufnahmen entstanden
auf Rømø und auf Fanø (DK). Es sei hier noch
erwähnt, dass der Bildausschnitt von unten schwer zu beurteilen ist.
Als Peilungshilfe haben wir einen Glasfaserstab, bestückt mit der
ausgedienten Spitze einer Sylvesterrakete, angefertigt. Die Spitze ist
leuchtend orange und gibt die Richtung des Objektivs an. Eine einfache
und praktikable Lösung. Ein Fernglas macht die Sache noch sicherer.
Es gibt natürlich noch
die Möglichkeit mit einer Miniaturvideokamera drahtlos mit einem Sender
und Empfänger den jeweils gewünschten Bildausschnitt auf einen
Kontrollmonitor anzufahren und exakt den Bildrauschschnitt des spätern
Fotos zu bestimmen. Fast schon zu perfekt, wer aber Spaß daran hat,
eine tolle Variante.
Grundsätzlich sollte nicht
zu sparsam mit Filmmaterial umgegangen werden, um auch eine gewisse Auswahl
von Bildern sicherzustellen. Bei der Verwendung einer Digitalkamera erübrigt
sich dieser Hinweis. Bei der Ausstattung der Kamera empfiehlt sich
ein Weitwinkelobjektiv, abgeblendet auf 5,6 bis 8, mit mindestens
1/100 besser 1/125 sek./ bei 100 ASA.
Um gute Ergebnisse zu erzielen,
sollte nur bei ausreichenden Lichtverhältnissen, bedingt schon
durch die Blende und Verschlußzeit und bei guten bis sehr guten Sichtverhältnissen
fotografiert werden . Ein interessanter Himmel mit weißen Schönwetterwolken
verleiht dem Bild dann auch noch den nötigen Hintergrund.
Als Filmmaterial verwende
ich Kodak Diapositiv- Film 100 ASA
Einen kleinen Haken hat
die Sache allerdings noch !
Man kann den Drachen und das
Kameragestell zwar auch alleine in die Luft transportieren, ein Helfer
oder Mitstreiter ist aber von großem Vorteil. Der eine fiert den
Drachen mit der Kamera aus und der andere bedient die Fernsteuerung. Zu
zweit bringt die Sache sowieso mehr Spaß.
Es gibt natürlich noch
andere Möglichkeiten, das Kameragestell an der Hauptleine in die Luft
zu transportieren. Mit Hilfe eines auf Rollen gelagerten Schlitten, ähnlich
einer Seilbahn, an dem die ganze Konstruktion in den Himmel befördert
wird. Der eindeutige Vorteil liegt darin, dass man den Trägerdrachen
bereits an einem Bodenanker fixieren kann und sich voll auf das Fotogeschäft
stürzen kann. Wir haben allerdings die Erfahrung gemacht, dass die
zusätzliche Leine am Schlitten, umgelenkt über einen kleinen
Block, bei böigem Wind sich sehr leicht über die Hauptleine legt
und somit ein reibungsloser Transport des Kameragestells nicht mehr möglich
ist.
Wie man sieht, sind der
Weiterentwicklung und der Umsetzung von Ideen keine Grenzen gesetzt und
somit hoffe ich, auch noch andere Drachenflieger für diese Art der
Fotografie zu begeistern.
Rainer K. ®
2004
© Rainer
Klupsch
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